Die Regenbogentreppen von Istanbul

Ein Artikel von Marion Pertschy | 19.02.2019 - 15:18

Eine stille Revolution

Istanbul liegt an der Nahstelle zwischen Europa und Asien und ist als bedeutendste Stadt am Bosporus bekannt für geschichtsträchtige Bauwerke wie die Hagia Sophia, die Blaue Moschee oder den Topkapi Palast. In der vergangenen Zeit erregte die Türkei und damit auch Istanbul jedoch weniger Aufmerksamkeit wegen des touristischen Interesses, sondern aufgrund der Politik ihres Staatsoberhauptes, des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Schlendert man durch die Straßen der Stadt, fällt besonders ein Detail ins Auge, das sein Entstehen im Zusammenhang mit Erdoğan fand: größere und kleinere Treppen sind in bunten Regenbogenfarben bemalt oder beklebt. Aber wo ist hier die Verbindung? 2013 bemalte der Türke Hüseyin Çetinel mit Freunden die 200 Stufen einer Treppe zwischen den Straßenbahnhaltestellen Tophane und Findikli in Regenbogenfarben. Gedacht als Verschönerungsaktion, wurde die Treppe schnell nicht nur zum Zeichen für Toleranz gegenüber Homo- und Transsexuellen, wie wohl viele hier vermuten, sondern auch zum Symbol des Widerstands gegen die Erdoğan-Regierung. Nur zwei Tage nach Fertigstellung reagierte jedoch die Stadtverwaltung und ließ die Treppe zurück in ihr altes Grau streichen. Auf sozialen Netzwerken regte sich deshalb Widerstand und die Menschen gingen auf die Straße, um für ihre Regenbogentreppe zu protestieren. Schlussendlich ließen sie Polizei und Verwaltung gewähren.
Auf einem Streifzug durch die Stadt bemerkt man, dass jene Treppe von Çetinel aber lange nicht mehr die einzige ihrer Art ist – überall in der Stadt wurden kleine und große Treppen in den bunten Farben des Regenbogens gefärbt. Auch wenn ihre Bedeutung als Symbol des Widerstandes heute etwas in den Hintergrund gerückt ist und sie nun mehr als Zierde in bunten Farben erstrahlen, bleibt doch ihr ursprünglicher Gedanke unvergessen.