Wenn eine Wüste zum Leben erwacht

Ein Artikel von REISEN-Magazin/Markus Englisch | 28.06.2021 - 09:14
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Die Felswände des Golden Canyon wirken wie die Landschaft eines fremden Planeten © Checubus/Shutterstock

Wir schreiben Oktober 2015. Einer der stärksten je aufgezeichneten El Niños hat die südliche Hemisphäre fest im Griff. Bereits der dritte Sturm zieht über den Death Valley Nationalpark in Kalifornien und bringt sintflutartige Regenfälle. In einigen Teilen messen Meteorologen 75 mm Niederschlag – das sind 25 mm mehr als in einem durchschnittlichen Jahr. Im darauffolgenden Frühling zeigen sich die Auswirkungen der heftigen Regengüsse: Seit vielen Jahren schlafende Samen erwachen zum Leben. Millionen von Wüstenblumen färben weite Teile des Tals goldgelb. Im Schnitt ist dieses Phänomen nur alle zehn Jahre zu beobachten, zuletzt 2005 und 2016. Aber auch in der restlichen Zeit wird das Death Valley seinem Namen nicht gerecht. 

Death Valley – das Tal des Lebens

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Die leuchtend gelbe Blume mit dem passenden Namen „Wüstengold“ tritt nur etwa alle zehn Jahre millionenfach in Erscheinung © Jeffrey T. Kreulen/Shutterstock

Das mystische Tal des Todes sollte auf keiner Kalifornien-Rundreise fehlen. Wer sich aus westlicher Richtung auf dem Highway 190 dem Nationalpark nähert, muss über den 1.500 m hohen Towne Pass. Ab diesem Punkt senkt sich das Asphaltband aber kontinuierlich bis weit unter den Meeresspiegel. Hat man das Panamint Range-Gebirge erst einmal hinter sich gelassen, finden sich Besucher in einer anderen Welt wieder.  Schnurgerade vor Hitze flirrende Straßen bahnen sich ihren Weg durch die irreale Landschaft. Das Abenteuer hat begonnen! Spätestens ein Blick auf den Thermometer beweist: Man ist in den brodelnden Gebirgskessel des Death Valleys eingetaucht. Schon am Vormittag herrschen hier Temperaturen jenseits der 40 °C. Für die meisten Besucher ist es kaum vorstellbar, dass in dieser außerirdischen Umgebung Leben zu finden ist. Aber tatsächlich: Hier streunen Füchse und Kojoten durch ihr Revier, es gibt Hirsche, Vögel, Fische und unzählige Reptilien. Im Nationalpark finden sich über 450 verschiedene Tierarten. Jede Spezies hat ihren eigenen Weg gefunden, der Hitze und Trockenheit zu trotzen. So deckt beispielsweise die kleine Kängururatte ihren Wasserbedarf fast ausschließlich durch ihre Ernährung.
Die Flora steht der Fauna in Sachen Ideenreichtum um nichts nach. Der Desert Holly ist weitverbreitet im Tal und ein wahrer Überlebenskünstler. Aus dem Salz der Böden produziert der Strauch eine silbrige Schicht auf seinen Blättern, die das Sonnenlicht reflektiert und so den Wasserverlust minimiert. Zum Staunen bringen Besucher allerdings ganz andere Gewächse. Wüstenblumen, die in kleinerer Anzahl jeden Frühling aus dem sandigen Boden sprießen, sind die gefeierten Stars des Death Valleys.

Goldsucher als Namensgeber für das Death Valley

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Die früheren Goldsucher gaben dem Todestal seinen Namen © Ernst Prettenthaler/Shutterstock

Der erste Anlaufpunkt im Tal ist das Besucherzentrum in Furnace Creek. Am Weg dorthin quert man das Tal von Westen nach Osten, in genau umgekehrter Richtung wie einst die Pioniere auf ihrem Weg an die Westküste der Vereinigten Staaten. Ihnen verdankt das Tal auch seinen einschüchternden Namen.
Für die Menschen stellte das Death Valley damals ein beinahe unüberwindbares Hindernis dar. Neben dem unwegsamen Gelände mit seinen Sanddünen und massiven Felswänden war es vor allem das Klima, das den Siedlern zu schaffen machte. Der erbarmungslosen Hitze und dem Wassermangel fielen regelmäßig Menschen zum Opfer. Eine Gruppe von Goldsuchern, die nach Wochen verzweifelter Suche endlich einen Ausweg aus dem Gebirgskessel fanden, tauften das Tal schließlich auf seinen heutigen Namen „Death Valley“, Tal des Todes. Im Jahr 1994 wurden das Tal und sein Umland zum Nationalpark erklärt. Mit einer Länge von 225 km und einer Größe von 13.000  km2 ist der Park etwa so groß wie Oberösterreich. Die Sehenswürdigkeiten sind zwar über das ganze Tal verteilt, lassen sich aber bequem über asphaltierte Straßen mit dem Auto erkunden.

Furnace Creek – die grüne Insel in der Wüste

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In Furnace Creek überrascht die Besucher eine kleine grüne Oase © Jason Patrick Ross/Shutterstock

Kaum kommt der Ort Furnace Creek am flimmernden Horizont in Sicht, erwartet den Besucher die erste Überraschung. Das Zentrum des Nationalparks präsentiert sich nicht als Stadt, sondern als kleine von Dattelpalmen umgebene Oase. Die beschauliche Siedlung bietet nur das Notwendigste an Infrastruktur: zwei Hotels, ein kleines Geschäft, ein Restaurant und eine Tankstelle. Einziger Luxus: Der Golfplatz, der mit 65 m unter dem Meeresspiegel der am tiefsten gelegene der Welt ist. Furnace Creek ist ein guter Ausgangspunkt für Touren zu den Naturdenkmälern der Umgebung.
Wer das Tal abseits der touristischen Hauptadern erkunden will, sollte sich unbedingt im Vorhinein bei Park Rangern über die aktuelle Wetterlage informieren. Weitere unerlässliche Vorsichtsmaßnahmen beinhalten ausreichend Wasser, detaillierte Landkarten, Mittel gegen Schlangenbisse, einen Wagenheber und Ersatzreifen. Der Park entschädigt Abenteuerlustige aber mit seiner rauen Schönheit für all ihre Mühen. Ein Besuch empfiehlt sich besonders zwischen Oktober und April, wenn die Temperaturen gemäßigter sind. In dieser Zeit sind sogar ausgedehnte Wanderungen durch die wahrscheinlich beeindru­ckendste Wüste Nordamerikas möglich. 

Felsen auf Wanderschaft

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Am Racetrack lässt ein beeindruckendes Naturphänomen schwere Felsen wie durch Zauberhand über den Wüstenboden gleiten © Vezzani Photography/Shutterstock

130 km westlich von Furnace Creek findet sich ein Naturspektakel, das außergewöhnlicher nicht sein könnte. Am Racetrack liefern sich nicht etwa schnelle Autos ein Rennen. Dieser Ort ist Schauplatz eines gespenstischen Phänomens. Bis zu 350 kg schwere Felsbrocken schieben sich wie von Zauberhand über die flache Mondlandschaft und hinterlassen dabei deutliche Schleifspuren als Zeugnis ihrer Wanderung. Besonders bemerkenswert ist, dass sich die Steine keineswegs nur geradeaus, sondern auch in Kurven, Kreisen und Zick-Zack-Pfaden bewegen. Auch wenn noch niemand die Steine beim Wandern direkt beobachten konnte, gehen Experten davon aus, dass sie sich sogar im Schritttempo fortbewegen können. Über viele Jahre hinweg versuchten Wissenschafter eine Erklärung für dieses groteske Schauspiel zu finden. Erneute Untersuchungen im Jahr 2014 brachten schließlich die Lösung: Millimeterdünne Eisschollen, die sich nach seltenen Regenfällen im Winter am Boden bilden, dienen als Transportmittel. Auf ihnen rutschen die schweren Steine über den flachen Lehmboden und hinterlassen bei ihrer Reise die auffälligen Spuren. 

Singender Dünensand

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Das Singen der Sanddünen ist weithin vernehmbar © iacomino FRiMAGES/Shutterstock

Am Rückweg vom Racetrack empfiehlt sich ein Halt in Stovepipe Wells. Nach einem Blick aus dem mittlerweile verstaubten Seitenfenster würden sich Besucher allerdings eher in Afrika als in Kalifornien vermuten. Unvergesslich bleibt der Blick auf die teils 35 m hohen goldgelben Sanddünen, die sich vor dem sonst flachen Gelände auftürmen. Noch bemerkenswerter ist allerdings das unverwechselbare Geräusch, das die Dünen erzeugen. Manche beschreiben es als Bellen, andere als Brummen. Mit Schallempfängern in der Luft und im Boden untersuchen Geologen seit Jahren das weithin hörbare Singen der Sandhügel. Mittlerweile vermuten die Wissenschafter, dass die Geräusche durch kleine Sandlawinen erzeugt werden.
Ein Spaziergang durch den weichen wellenförmigen Quarzsand lässt Besucher die Wüste hautnah spüren. Da sich die Form der Sanddünen durch wechselnde Winde ständig verändert, gibt es allerdings keine markierten Wege.

Der Tag im Death Valley neigt sich dem Ende zu. Das Quecksilber im Thermometer sinkt wieder und die untergehende Sonne taucht die salzigen Ebenen in einen roten Schein. Aber niemand sollte das Tal verlassen, ohne einen der spektakulären Aussichtspunkte besucht zu haben. Besonders in der Dämmerung, wenn die Sicht am klarsten ist, bieten sich den Besuchern atemberaubende Ausblicke auf die Weiten des Tals. Nur 3 km vom Furnace Creek liegt der Zabriskie Point, von dem aus der leuchtendgelbe Golden Canyon überblickt werden kann. Unvergessen bleibt der dramatische Blick auf die letzten Lichtstrahlen, die sich über die schroffen Felsformationen tasten und schließlich hinter den Bergen verschwinden.