Chand Baori: Indiens größter Stufenbrunnen

Ein Artikel von Marion Pertschy | 20.05.2019 - 15:40

Stufenbrunnen, in der Landessprache als „bawdi“ oder „baori“ bezeichnet, sind eine Besonderheit und einer der originellsten Beiträge des Subkontinent Indiens zur Weltarchitektur. In Zeiten vor dem modernen Wasserlieferungssystem, konnten Menschen durch ihre einzigartige Stufenbauweise, egal wie viel Wasser sich gerade im Brunnen befand, zum lebenswichtigen Nass gelangen.

Ein solcher Stufenbrunnen ist der „Chand Baori“, der im Dorf Abhaneri im östlichen Rajasthan die angrenzende Bevölkerung mit Wasser versorgte. Er ist nicht nur einer der ältesten Stufenbrunnen im Bundesstaat, sondern wohl auch einer der größten der Welt. Leicht zu finden ist der Baori, der während des 8. bis 9. Jh. von König Chanda (Chandra) der Nikumbha Dynastie erbaut wurde, nicht. Rund fünf Stunden muss man von Jaipur in die Pampa fahren – öffentliche Verkehrsmittel gibt es keine.

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© Marion Pertschy

3.500 enge Stufen führen 20 m oder ganze 13 Stockwerke in die Tiefe zum Boden des Brunnens und den algig-grünen Wasserresten, die sich dort noch befinden. Die große Öffnung des Brunnens fungierte als Auffangbecken für Regenwasser. Im trockenen Rajasthan wurde der Chand Baori außerdem zu einem Versammlungsort der Bewohner von Abhaneri. In den unteren Stufenrängen war die Temperatur nämlich immer um fünf bis sechs Grad kühler und erträglicher als die sonst so heiße, trockene Luft. 

Die Treppen umgeben das Wasser auf drei Seiten, während die vierte Seite einen Pavillon mit drei Stockwerken mit geschnitzten Jharokhas (Fenstern), auf Säulen gelagerten Galerien und zwei vorspringenden Balkonen mit wunderschönen Skulpturen aufweist. 

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Säulen und Skulpturen können rund um das Becken bewundert werden. © Marion Pertschy

Der Dschinn des Chand Baori

Heute ist der Stufenbrunnen nicht mehr in Verwendung, sondern hauptsächlich eine Touristenattraktion. Auch in so manchen Filmen hatte er aber bereits einen Auftritt, beispielsweise in „The Dark Knight Rises“ von Regisseur Christopher Nolan.

Daneben ranken sich auch einige Legenden um den Stufenbrunnen. Erzählungen zufolge wurde er in nur einer Nacht gebaut. Da dies selbst für einen Übermenschen eine unmögliche Leistung wäre, sind die Einheimischen davon überzeugt, dass Chand Baori das Werk eines Dschinn ist. Es wird zudem berichtet, dass kein Mensch jemals ein- und dieselbe Treppe benutzen konnte, um hinunter- und vom Stufenschacht wieder hinaufzusteigen. Nicht einmal die selbe Stufe könne zweimal betreten werden. Angeblich wurde das sogar von Augenzeugenberichte bestätigt.

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Der kleine Tempel liegt gleich neben dem mächtigen Stufenbrunnen. © Marion Pertschy

Hat man es tatsächlich zum Stufenbrunnen Chand Baori geschafft, sollte man nach seiner Besichtigung nicht gleich wieder abreisen. Gleich nebenan steht der kleine aber feine Tempel Harshshat Mata, der ebenfalls von König Chand im 7. bis 8. Jh. erbaut, jedoch vom türkischen Herrscher Mahmud Ghazni zerstört wurde. Der Tempel war Harshat Mata gewidmet, die als Göttin des Glücks und der Freude galt.

Seine Hauptattraktion sind die tief reliefierten Skulpturen, die in den Nischen um den Sockel der oberen Terrasse platziert sind. Bei beiden Sehenswürdigkeiten muss man auf jeden Fall nicht mit Besuchermassen rechnen, ein Besuch lohnt sich!

Info: www.chandbaori.org