Eine Insel mit faszinierender, aber tragischer Geschichte

Ein Artikel von Marion Pertschy | 13.05.2019 - 10:22

Zwischen Bronx und Riker's Island, vor den Toren von Manhatten, im East River liegt die „North Brother Island“ – eine Insel, die seit 1963 dem Verfall der Zeit überlassen wurde. Eine besondere Faszination auf Fotografen und Lost Places-Jäger übt die Insel aber ganz besonders aufgrund ihrer bewegten Geschichte aus.

Bis 1885 war North Brother Island aufgrund der Strömungen und der Strudel im Fluss gänzlich unbewohnt. Um ein Quarantäne-Spital für hochansteckende Menschen zu errichten, kaufte die Stadt die Insel. Im „Riverside Hospital“ wurden Bewohner, die etwa an Typhus, Tuberkulose, Gelbfieber oder Pocken erkrankt waren, untergebracht – weit weg vom gesunden Teil der Bevölkerung, isoliert durch das Wasser und doch nahe genug an der Stadt.

Sogar hier gab es jedoch eine Berühmtheit: Mary Mallon, oder auch „Typhus-Mary“ genannt. Die irländische Einwandererin soll die erste Person in den Vereinigten Staaten gewesen sein, die das Typhus-Virus in sich trug ohne selbst daran zu erkranken. Im Jahr 1907 wurde sie im Riverside Hospital auf North Brother Island unter Quarantäne gestellt, nachdem medizinische Untersuchungen ergaben, dass sieben der acht Familien, bei denen „Typhus-Mary“ als Köchin beschäftigt war, mit eben jener Krankheit infizierten wurden.

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„Typhus Mary“ war die erste nicht erkrankte Trägerin des Typhus-Virus in den USA – hier in einer Zeitungs-Illustration aus 1909. © Lupo/WikiCommons

Nur drei Jahre später, 1910, wurde sie entlassen, mit der Anweisung, ihre Beschäftigung als Köchin nicht wieder aufzunehmen. Da Mary jedoch nicht glauben konnte, dass sie der Träger des Virus war, kehrte sie zu ihrer Berufung zurück und infizierte weitere 25 Menschen. 1915 wurde sie deshalb abermals nach North Brother Island gebracht, wo sie 1938 – immer noch in dem Glauben, sie wäre völlig zu Unrecht unter Quarantäne gestellt worden – an einer Lungenentzündung starb.

Keine glückliche Geschichte

Noch einige Jahr vor „Typhus-Mary“ ereignete sich vor der Insel noch ein weiteres schreckliches Unglück. Im Jahr 1904 war North Brother Island Schauplatz der General-Slocum-Katastrophe. Am 15. Juni geriet der Raddampfer bei einer Fahrt über den East River in Brand und sank – und mit ihm seine Passagiere.

Bei diesem bis heute schlimmsten Schiffahrtsunglück der USA kamen 1.021 Personen ums Leben, hauptsächlich Frauen und ihre Kinder. Das ausgebrannte Schiff strandete auf North Brother Island, nur 321 Personen überlebten. Bis zum 11. September 2001 verloren bei der Katastrophe die meisten Menschen ihr Leben. Am Tompkins Square im East Village wurde ein Gedenkbrunnen für die Opfer errichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Insel für ein Wohnprojekt für Veteranen, später für ein Drogenentzugsprogramm genutzt. 1963 schloss das Krankenhaus endgültig seine Tore. Heute ist die Insel von der Öffentlichkeit abgeschottet, der Zugang ist streng verboten. Einer fühlt sich jedoch wohl hier: die Insel – mittlerweile ein Vogelschutzgebiet – bildet die größte Brutkolonie an Nachtreihern der Region.