Das Märchenschloss des Postboten

Ein Artikel von Marion Pertschy | 17.06.2019 - 15:10

Er war weder Bauherr noch Architekt – aber er war fest entschlossen. Ferdinand Cheval war ein einfacher Landpostbote, als er mit dem Bau seines Palast der Fantasie begann. Jahrelang baute er ihn bereits während seinen langen Post-Märsche in seinem Kopf – er träumte von Skulpturen, Gärten, Architekturen antiker Zeiten und ferner Länder. Und dann, im Jahr 1879, folgte ein glücklicher Umstand auf den anderen. Auf seinem täglichen Weg stolperte er über einen „bizarren und doch pittoresken“ Stein, am nächsten Tag suchte er nach weiteren und beschloss schließlich, der Natur die Bildhauerei zu überlassen und selbst nur die Architektur zu übernehmen.

Zwei Jahre baute er anfangs einen Teich mit Tierfiguren und Wasserfall, dann folgten immer weitere Bauten: die „Grotte des heiligen Amadeus“, ein winziger „Hindutempel“, „Säulen nach Art der Berber“, ein Grabmal wie jenes der Pharaonen und andere Anbauten. Die Steine für den Bau sammelte er in mühsamer Arbeit, kaufen musste er nur Kalk und Zement.

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33 Jahre brauchte Cheval für den Bau seines „Palais idéal“. © milosk50/Shutterstock

Ungeahnter Ruhm

Wie so oft, fingen bald die Ortsbewohner an zu tratschen. Als „geistesgestört“ bezeichneten sie ihn, kamen jedoch zu dem Schluss, dass er wohl ungefährlich sei und so kümmerte es den Franzosen wenig. Als die Touristen alsbald Einzug hielten, lies auch die Presse nicht mehr lange auf sich warten und das Kunstwerk des Postboten wurde immer bekannter.

1907 musste er sogar ein Dienstmädchen für die Besucher einstellen und die Künstlerszene wurde auf ihn aufmerksam. Die Surrealisten feierten ihn als ihren Vorläufer, André Breton widmete ihm ein Gedicht und Max Ernst eine Collage. Picasso kam, um den Palast zu studieren und Fotos des Palais hängen im New Yorker MoMA. Das alles passierte allerdings erst nach dem Tod von Ferdinand Cheval.  

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Der Märchenpalast, wie Cheval ihn nannte, sollte eigentlich sein Grabmal werden. © milosk50/Shutterstock

Gevatter Tod als Begleiter

Das Leben Chevals war turbulent, der Tod stets sein Weggefährte: mit 11 Jahren starb seine Mutter, mit 17 sein Vater. Mit 22 Jahren heiratete er, musste jedoch auch – nachdem er sechs Jahre auf der Suche nach Arbeit wie vom Erdboden verschluckt blieb – seinen einjährigen Sohn 1865, und acht Jahre später seine Frau zu Grabe tragen. Selbst seine Tochter Alice-Marie-Philomène, die er mit seiner neuen Frau bekam, schied mit 15 Jahren 1894 aus seinem Leben. "Der Sterbende ist eine untergehende Sonne, die noch strahlender in einer anderen Hemisphäre aufgeht", meiselte er in die Wand seines Palais.  

Er selbst wollte in seinem erträumten „Palast der Imagination“ die letzte Ruhe finden. 1912 hatte er das Palais nach 33 Jahren Bauzeit im Alter von 77 Jahren beendet – 26 m lang, 14 m breit und 10 m hoch war es. Leider musste sich aber auch Cheval an das Gesetz halten – und das besagte nunmal, dass eine Bestattung auf einem Friedhof erfolgen musste. Davon ließ sich der Bauherr jedoch nicht entmutigen, schnappte sich 1914 erneut eine Schubkarre und baute weitere acht Jahre an seinem persönlichen Mausoleum am Friedhof von Hauterives. Den Bau der "Gruft der Stille und unendlichen Ruhe" beendete er 1922, zwei Jahre vor seinem Tod am 19. August 1924.

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Dieses Mausoleum baute sich Cheval am Friedhof von Hauterives. © Wikilug/WikiCommons

Info: www.facteurcheval.com

Das Palais idéal ist das ganze Jahr über geöffnet, von Juli bis August immer von 9.30 bis 19 Uhr. Zu finden ist es in der rue du Palais in Hauterives.