Die Gärten der Hölle

Ein Artikel von REISEN Magazin/Gerald Stiptschitsch | 03.11.2020 - 12:35
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Das Wasser ist um Galápagos trotz Äquatorlage aufgrund des Humboldtstromes mit 21 bis 25 °C relativ kalt © SidWorld/shutterstock

Ob die balzenden Prachtfregattvögel mit ihrem roten Kehlsack, die watschelnden Blaufußtölpel, die riesigen Landschildkröten oder die aus Urzeiten übrig gebliebenen Meerechsen, die bis zu 180 Jahre alt werden – schon Charles Darwin war fasziniert, als er 1832 auf den nur 200 Einwohner zählenden Galápagos­inseln ankam und für fünf Wochen Station machte. Mit seinem 27 m langen Schiff, der „Beagle“, und der 74 Mann Besatzung war er rund um den Globus fünf Jahre unterwegs und ging dabei lediglich siebenmal an Land. 

Galapágos-Inseln als Piratenversteck

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© Peter Hermes Furian/shutterstock

Die Inselgruppe besteht aus 13 Inseln mit einer Gesamtfläche von etwa 8.000 km² und über 100 kleineren Inseln. Lediglich fünf davon sind besiedelt. Die Ost-West-Ausdehnung zwischen den Inseln Fernandina und San Cristóbal beträgt rund 200 km, zwischen der nördlichsten Insel Darwin und der südwestlichsten Española etwa 430 km. 
Offiziell entdeckt wurde das Archipel im östlichen Pazifischen Ozean im März 1535 vom Spanier Tomas der Berlanga, obwohl vermutlich der Inka-Herrscher Tupac Yupanqui aus Peru um 1470 der Erste war, der die Inseln betrat. Berlanga, Bischof von Panama, war auf Seereise und gelangte zufällig auf die Inseln. Fehlender Wind und eine starke Strömung trieben das Schiff zu dem einzigartigen Naturreich. Wegen der felsigen Landschaft schrieb er in seinem Bericht an die spanische Krone: „Es sieht aus, als ob Gott Steine regnen ließ.“ Im 17. Jh. dienten die Inseln als Versteck und Fluchtort für Piraten. Der spanische Pirat Diego de Rivadeneira gab ihnen den Beinamen „Islas Encantadas“ – verzauberte Inseln.  Er glaubte, die Inseln würden von Zeit zu Zeit unsichtbar werden, was daran lag, dass es die damaligen Navigationsinstrumente nur schwer zuließen, die gewünschte Position tatsächlich zu erreichen. 
Mit den Walfangflotten 1793 erfolgt die erste große Besiedlung, zwischen 1934 und 1959 dienten die Inseln als Strafkolonien. Seit 1978 stehen die Inseln aufgrund der einmaligen Flora und Fauna auf der UNESCO-Liste des Weltnaturerbes. 97 % der Fläche der Galápagosinseln und 99 % der umgebenden Gewässer stehen unter strengem Naturschutz. Die landwirtschaftliche und fischereiliche Nutzung, das Betreten der Inseln sowie das Befahren der Gewässer sind streng reglementiert. In den Besitz von Ecuador kamen die Inseln am 12. Februar 1832 unter General José María Villamil und bilden bis heute die gleichnamige Provinz Galápagos mit der Hauptstadt Puerto Baquerizo Moreno. Das Wort Galápago (spanisch für „Wulstsattel“) bezieht sich auf den Schildkrötenpanzer, der bei einigen Unterarten der auf den Inseln lebenden Riesenschildkröten im Nackenbereich wie ein Sattel aufgewölbt ist.

Einzigartige Lebensformen

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Die farbenprächtigen Klippenkrabben, auch Zayapa genannt, ­ernährten sich von angeschwemmten ­Algen © GUDKOV ANDREY/shutterstock

Der Archipel liegt 1.000 km westlich der Küste von Ecuador und war niemals mit dem südamerikanischen Festland verbunden. Abgeschottet konnten sich auf den Inseln, die durch vulkanische Aktivität gebildet wurden, in Jahrmillionen einzigartige Lebensformen entwickeln. Es dauerte allerdings Tausende von Jahren, bevor sich auf den Inseln erstes Leben regte. Die brisante, tektonische Lage des Archipels, wo Cocos- und Nazcaplatte aufeinander stoßen, sorgt immer noch für vulkanische Aktivität. Die Landschaft gleicht manchmal übergroßen Aschehaufen inmitten des Meeres. Am Vulkan Cero Azul auf der Insel Isabela hat sich erst 1998 eine kilometerlange Spalte mit sechs Lavafontänen, die bis 300 m in die Höhe reichen, gebildet. 
Die Pflanzen, die die Inseln besiedeln, dürften vom Festland stammen und durch Vögel oder die Meeresströmung hierher gelangt sein. Für alle lassen sich nämlich verwandte Arten in den Anden finden. Die meist karge Landschaft wird v. a. von Lavakakteen, Baumopuntien, Sesuvien, Salzbüschen und im Uferbereich von Mangroven dominiert.
Immer noch ist es für Besucher genauso faszinierend wie für die Entdeckungsreisenden vor 500 Jahren, wie die Tiere durch das Fehlen von natürlichen Feinden auf den Inseln keine Scheu zeigen. Auch wenn hier die für den Pazifik sonst so typischen Kokospalmen fehlen, wird jeder, der auf den Inseln zu Besuch war, von den einzigartigen Begegnungen erzählen. Von Seelöwen, die Menschen vertrauensvoll an ihren Nachwuchs lassen, Galápagos-Bussarden, die auf den Köpfen der Menschen landen oder den zutraulichen Riesenschildkröten. Meerechsen sonnen sich auf dem schwarzen Lavagestein und denken gar nicht daran, aus dem Weg zu gehen. Sie sind übrigens die einzigen Echsen, die zur Nahrungssuche das Wasser aufsuchen. Die Galápagos-Landleguane hingegen ernähren sich von Pflanzen am Festland und sind mit 1,5 m Länge die größten der Welt. Obwohl sie furchterregend wie kleine Drachen aussehen, sind auch sie friedfertig und zu Tausenden auf den Inseln anzutreffen. Darwin nannte sie die „Kobolde der Finsternis“. Jede Art lebt friedlich für sich in ihrem Lebensraum, den ihr niemand streitig macht. Ein Paradies für Tiere. 
Im Verhältnis zu Hawaii ist die Anzahl endemischer Tier- und Pflanzenarten jedoch gering. Das liegt daran, dass diese Inseln vergleichsweise jung sind. Während die ältesten vor nur fünf Millionen Jahren entstanden und bereits durch Erosion glatt abgetragen sind, sind die jüngeren Inseln noch zerklüftet. Wegen des unter dem Meeresboden gelegenen „Hotspots“ wachsen die jungen Inseln immer noch. Dabei sind die westlichsten Inseln die jüngsten. Fernandina und Isabela sind lediglich 500.000 Jahre alt, einige „Baby-Inseln“ zählen mit 40.000 Jahren zu den erdgeschichtlich jüngsten Inseln der Erde. Die meisten der endemischen Arten besiedeln die trockenen Tieflagen auf dem ältesten Teil der Inseln, während nur ein geringer Anteil in den feuchteren und jüngeren Hochlagen zu finden sind.

Gefährdung der Arten

Die Vielzahl endemischer Tier- und Pflanzenarten ist jedoch wegen der Einführung fremder Arten sowie durch Jagd stark gefährdet.  So war etwa die Galápagos-Riesenschildkröte durch Anfang des 18. Jh. eingeführte Ziegen bedroht, die den Schildkröten ihre Nahrung wegfraßen. Mit der gezielten Tötung der Ziegen, u. a. aus Helikoptern, konnte das Problem 2007 gelöst werden. Die Gelege von Vögeln und anderen Tieren machen den Lebensraum durch die mittlerweile über 30.000 Einwohner und ihre mitgebrachten, für das Ökosystem fremden Kleintiere wie Hunde, Katzen, Ameisen und Ratten streitig. Durch Lebensmittellieferungen gelangen Parasiten, Krankheitskeime sowie andere Tiere und Pflanzen auf die Inseln. Mehr als 200 neue Arten kamen in den vergangenen zehn Jahren auf die Galápagosinseln. Darunter Parasiten, die das Blut von Finkenjungen saugen, oder Malariaerreger, die Pinguine befallen. 
Auch der Tourismus, der die größte Einnahmequelle darstellt, ist eine Bedrohung für das sensible Ökosystem. Flugzeuge und größere Flughäfen, Kreuzfahrtschiffe mit Hafenanlagen sowie organisierte Gruppenreisen sorgen für massive Eingriffe in die Landschaft. Letztere werden mittlerweile von der UNESCO stark kontrolliert und gelenkt. Mittels der INGALA-Transit-Kontrollkarte, einer Art elektronischem Visum, das vorab erworben werden muss, wird der Tourismus reglementiert.

Auf den Spuren von Darwin

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Um Galapagos ist das Plankton­vorkommen sehr hoch. Das trübt zwar unter Wasser die Sicht, lockt aber viele Großfische wie den Walhai an © davidpstephens/shutterstock

Es lohnt sich, eine organisierte Kreuzfahrt ab Puerto Ayora einzuplanen, mit der man die Inseln in mehreren Tagen erkunden kann und sich auf die Spurensuche von Charles Darwin begibt. Darwin war fasziniert von den Inseln und meinte über die Tier- und Pflanzenwelt: „Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass Inseln, die meisten von ihnen in Sichtweite voneinander und aus dem selben Gestein gebildet, so unterschiedlich besiedelt sein können.“ Er sammelte hier Erkenntnisse, die ihn zur Evolutionstheorie veranlassten.
Wer Galápagos besucht, kommt auf der für den Tourismus bedeutendsten Inseln an, der Insel Santa Cruz. Der Flughafen befindet sich auf einer eigenen Insel, der Isla Baltra, die einzig dem Flughafen und für Kreuzfahrtschiffe dient. San Cristóbal mit der Stadt Puerto Baquerizo Moreno ist die Hauptinsel, obwohl sie nicht die größte darstellt. Sie ist aber die östlichste und wird mit Kreuzfahrtschiffen meist als erstes angefahren. Hier befinden sich auch der Verwaltungssitz und der zweitwichtigste Flughafen.
Galápagos lässt sich nicht nur vom Land aus, sondern auch unter Wasser entdecken. Schon vom Boot aus kann man unterwegs zu den Tauch- und Schnorchelplätzen riesige Mantarochen sehen. Vor Bartolomé bestehen gute Chancen, mit Hammerhaien zu tauchen und auf Fernandina mit Pinguinen zu schnorcheln. Die karge, steinige Landschaft setzt sich unter Wasser fort, zumal die Klimaerwärmung der vergangenen Jahrzehnte viele Korallenriffe hat absterben lassen. Wer hier am Äquator tropische Riffvielfalt und warmes Wasser erwartet, wird enttäuscht. Grund ist der kalte Humboldtstrom aus der Antarktis, der entlang der südamerikanischen Westküste fließt. Das ist auch der Grund, warum an keinem anderen äquatorialen Platz der Erde Pinguine zu beobachten sind. Trotzdem ist ein Tauchgang aufgrund der zahlreichen Tierarten erlebnisreich. Seelöwenbullen machen mit ihrem Bellen unter Wasser auf sich aufmerksam. Sofort nähern sich einige Weibchen, die neugierig mit der Nase stupsen, an den Flossen knabbern und das Ausatmen der Besucher imitieren. Während sie im Wasser spielerisch den Tauchern folgen, sind sie am Landgang von Menschen eher gelangweilt und schläfrig. Schulen von Adlerrochen und übergroßen Mantas sind keine Seltenheit, auch die Begegnung mit dem harmlosen Galápagos-Hai ist nicht ungewöhnlich. Aufgrund der Strömungen, die hier herrschen und für reichlich Plankton sorgen, ist mit Großfischen bei jedem Tauchgang zu rechnen. Schildkröten, Makrelenschwärme, Tümmler, Barsche, Falterfische und Rochen zeigen kaum Scheu und kommen bis auf Fotonähe heran. Mit etwas Glück begegnen Sie dem größten Fisch der Welt, dem Walhai. Wegen der Strömung haben allerdings auch nur entsprechend „geeichte“ Taucher richtigen Spaß.
Am Land wie im Wasser gibt es keinen zweiten Ort auf unserer Erde, an der die Vielfalt an evolutionärer Veränderung so veranschaulicht wird wie auf Galápagos. Kein Wunder, dass Darwin erst durch die Erkenntnis auf diesen Inseln seine Berühmtheit erlangt hatte  und die veränderte Vielfalt hier als „the mystery of mysteries“ bezeichnete – das Geheimnis aller Geheimnisse.