Unterwegs auf dem Highway 1

Ein Artikel von REISEN Magazin/Markus Englisch | 12.10.2021 - 16:04
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Bixby Creek Bridge © Daniel X D/Shutterstock

Pacific Coast Highway, Cabrillo Highway, Shoreline Highway oder einfach Highway  1 – die California State Route 1 hat viele Namen. Obwohl die Küstenstraße beinahe den ganzen Bundestaat in nordsüdlicher Richtung durchzieht, ist mit Highway 1 meist nur der Abschnitt zwischen Los Angeles und San Francisco gemeint. Gemeinsam mit der Route 66 zählt die 750 km lange Strecke zu den legendärsten Straßen der USA. Dabei ist der Highway 1 mehr als nur eine Panoramastraße. Eine Reise entlang der goldenen Küste Kaliforniens lockt mit einem unbändigen Freiheitsgefühl und einer großen Portion des „American Way of Life“. Eine Fahrt auf dem Highway 1 verspricht einen grandiosen Streifzug durch den Golden State, mit allen seinen bunten Facetten und seiner natürlichen Vielfalt.

Santa Monica – Mekka der Surfer

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Santa Monica Pier bei Sonnenuntergang © oneinchpunch/Shutterstock

Kaum sind wir auf den Highway 1 aufgefahren, legen wir schon einen Stopp in Santa Monica ein. Obwohl die Großstadt noch in Greifweite liegt, zeigt sich Kalifornien hier schon von seiner besten Seite. Flache Sandstrände schmiegen sich direkt an die Straße und geben den Blick frei auf die Brandung des Ozeans. Und die hat es in sich. Nicht umsonst lockt der Küstenabschnitt bis Santa Barbara Surfer aus aller Welt. Wer den Strand entlangspaziert, kommt irgendwann zu Santa Monicas weltberühmtem Pier. Mit seinem bunten Treiben und dem winzigen Vergnügungspark versprüht er das Flair eines alten Hollywoodfilms. Zurück im Auto lassen wir die Stadt nun endgültig hinter uns, nicht aber unseren ständigen Reisebegleiter, den Pazifik, der sich zu linker Hand in voller Pracht präsentiert. Eine Vielzahl naturbelassener Strände ziehen am Autofenster vorbei. Einer davon ist weltberühmt. Malibu Beach war Schauplatz der Kultserie Baywatch und zieht heute noch Fans aus aller Welt an. Einen Blick auf die Fernsehstars wird man zwar nicht erhaschen können, dafür aber auf die bis zu 5 m hohen Wellen, die von mutigen Surfern bezwungen werden. 

Die Königin der Missionen

Nach 60 km kommt Santa Barbara in Sicht. Schnell weicht der Highway palmenbeschatteten Straßen, die von weiß gestrichenen Häusern gesäumt sind. Kein Hochhaus versperrt den Blick auf den zumeist blauen Himmel. Die Stadt versprüht mediterranes Flair, und das nicht nur wegen ihrer spanischen Architektur. Direkt hinter Santa Barbara erheben sich die Santa Ynez Mountains zu einer beeindruckenden Kulisse und schirmen Wind und Wellen des rauen Pazifiks ab. So genießt die Stadt ein angenehm mediterranes Klima mit vielen Sonnentagen und milden Wintern. Das lockt nicht nur gestresste Großstädter, sondern auch die Schönen und Reichen. Santa Barbara gilt als eine der exklusivsten Wohnadressen des ganzen Landes. Das Highlight des Ortes ist die altehrwürdige Anlage der Old Mission Santa Barbara. Sie ist eine von 21 Missionen entlang der kalifornischen Küste. Die Anlagen wurden im 18. und 19. Jh. von Mönchen des Franziskanerordens errichtet, um die Ureinwohner Kaliforniens zum katholischen Glauben zu bekehren. Die Old Mission Santa Barbara wird wegen ihres guten Zustands zu Recht als Königin der Missionen bezeichnet. Die Anlage liegt auf einer Anhöhe und bietet einen fantastischen Panoramablick auf die Stadt und den Ozean. Am Horizont gut zu erkennen sind auch die der Küste vorgelagerten Inseln der Channel Islands. Bei einem Bootsausflug zu dem gleichnamigen Nationalpark lassen sich mit etwas Glück auch Grauwale beobachten.

Die dänische Hauptstadt Amerikas

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Solvang in Kalifornien © Alexander Reitter/Shutterstock

Kurz nach Santa Barbara verlassen wir für kurze Zeit den Pacific Highway und fahren auf der Route 101 15 km ins Landesinnere. Dort erwartet uns ein Städtchen, mit dem man mitten in Kalifornien nicht rechnet. Entlang der Hauptstraße Solvangs reihen sich skandinavische Fachwerkhäuser aneinander und Bäckereien verströmen den Duft dänischer Süßspeisen. Solvang wird trotz seiner beschaulichen 5.000 Einwohner seinem Titel als „dänische Hauptstadt Amerikas“ mehr als gerecht. Gegründet wurde das Städtchen Anfang 1900 von dänischen Siedlern. Am besten lässt sich der Ort bei einer Stadtrundfahrt in einer der Pferdetrams erkunden. Immer mittwochs findet auf der Hauptstraße der Farmers Market statt, wo neben frischem Gemüse und Obst auch Spezialitäten der Umgebung angeboten werden. Für eine weitere kulinarische Spezialität der Region lohnt sich eine Fahrt in das nahegelegene Santa Ynez Valley. Das Tal gehört zu den jüngsten und doch erlesensten Weinbaugebieten Kaliforniens. Der hier oft vorherrschende Küstennebel sorgt für ein besonderes Mikroklima, das die Trauben langsamer heranwachsen lässt. Vom speziellen Geschmack der preisgekrönten Weine können sich Gäste in den vielen Weingütern überzeugen. In den idyllischen Weinbergen lässt es sich auch hervorragend wandern.

Das Schloss der Träume

Unser nächster Halt ist San Simeon. Knapp 500 m über dem beschaulichen Ort thront das prächtige Hearst Castle. Das ehemalige Anwesen des Medienmagnaten William R. Hearst ist als Museum der Öffentlichkeit zugänglich. Das in den 1920er Jahren errichtete Privatschloss ist in allen erdenklichen Baustilen gehalten und besticht v. a. durch seine Größe und verschwenderische Pracht. Der exzentrische Bauherr ließ sich von keinerlei Konventionen leiten. Neben dem 165 Zimmer umfassenden Gebäude zählt der Neptune Pool mit seinen Pavillons und Fontänen zu den beeindruckendsten Teilen des Anwesens. Nur eine halbe Autostunde weiter lohnt sich ein weiterer Stopp, diesmal direkt am Strand. Die Attraktion ist aber nicht der Strand an sich, sondern seine Bewohner, die man sonst nur aus dem Zoo kennt. Das ganze Jahr über kann man am Elephant Seal Vista Point die größte Robbenart der Welt bestaunen: Seeelefanten. Während von November bis Dezember v. a. Revierkämpfe der Bullen zu beobachten sind, bekommen Besucher Anfang des Jahres viele Jungtiere zu Gesicht.

Durch den großen Süden

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Mcway Wasserfälle © Valeria Venezia/Shutterstock

Mit jedem Kilometer, den wir Richtung Norden fahren, werden die Klippen jetzt steiler und die Straße kurviger. Bald führt der Highway 1 in einen dichten Wald und der würzige Geruch von Nadelbäumen zieht beim offenen Autofenster herein. „Big Sur“, der große Süden, wird der abgeschiedene Küstenabschnitt zwischen San Simeon und Carmel genannt. Grandiose Aussichten über die Küste verspricht z. B. der 6,5 km lange Pfad auf Big Surs höchsten Berg, den Sur’s Cone Peak. Wer es ruhiger angehen möchte, unternimmt einen Spaziergang auf dem Waterfall Trail zur McWay Bucht. Dort können Besucher ein atemberaubendes Naturschauspiel bestaunen. In einer von dunklen Klippen umgebenen Bucht stürzt der kleine McWay-Wasserfall direkt auf den weißen Sandstrand. Zurück im Auto kommt schon bald das nächste Fotomotiv in Sicht. Wir überqueren die legendäre Bixby Bridge. Die elegante Brücke steht symbolhaft für den Highway 1 und das amerikanische Freiheitsgefühl. 1,5 km nach der Überquerung gibt es einen Parkplatz, von dem aus die Brücke gut fotografiert werden kann.

17 Meilen Panorama pur

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Panoramastraße 17 Mile Drive Pacific Coast Highway © Wall-e16/Shutterstock

Wir erreichen eine Kleinstadt mit dem klingenden Namen Carmel-by-the-sea. Malerisch schmiegen sich hier die Häuser an die Steilküste und versprühen den Charme eines englischen Dorfes. Neonschilder und Fastfood-Ketten sucht man in dem schmucken Ort vergeblich. Carmel hat sich mit strengen Gesetzen dem Erhalt seines dörflichen Erscheinungs­bildes verschrieben. Das eigentliche Highlight des Ortes ist aber die 26 km lange Straße in den Nachbarort Monterey, die sich über die ganze Halbinsel schlängelt. Die Fahrt auf der Panoramastraße des 17-Mile Drive kostet 10 Dollar Maut. Die kurvige Strecke mit ihren märchenhaften Zypressenwäldern und naturbelassenen Stränden ist das Geld aber allemal wert. Nach drei Stunden Fahrt endet die Strecke direkt in Monterey. Hier sollte man auf keinen Fall das renommierte Monterey Bay Aquarium verpassen. Es zählt zu den größten Schauaquarien der Welt. Neben weißen Haien und Delfinen zählen Riesenkraken zu den größten Bewohnern des Aquariums.

Kaliforniens letzte Baumriesen

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San Francisco Skyline © f11photo/Shutterstock

San Francisco rückt immer näher und bald haben wir unser Ziel erreicht. Bevor wir in die quirlige Metropole eintauchen, machen wir einen letzten Stopp in Santa Cruz.  Der schöne Sandstrand der Kleinstadt verspricht nicht nur Erholung, sondern beherbergt auch die älteste Holzachterbahn der USA. „The Giant Dipper“ wurde 1924 als Teil des Vergnügungsparks Santa Cruz Beach Boardwalk in Betrieb genommen und ist mit knapp 20 m Höhe das erklärte Wahrzeichen der Stadt. Ebenfalls aus Holz, aber um vieles höher sind die gigantischen Küstenmammutbäume im nur 15 Autominuten entfernten Henry Cowell Redwood State Park. Die Baumriesen wachsen ausschließlich in einem 20 km breiten Gürtel entlang der Pazifikküste. Im 19. Jh. war Santa Cruz ein wichtiger Umschlagplatz der Holzindustrie, ein Großteil der Mammutwälder wurde rigoros abgeholzt. Die verbliebenen Bäume werden heute im Nationalpark geschützt. Rund 50 km Wanderwege schlängeln sich durch das Schutzgebiet und lassen das Herz von Naturliebhabern höherschlagen. 
Der Tag neigt sich langsam dem Ende zu, als sich die markante Skyline San Franciscos am Horizont erhebt. „The Golden City“ bildet den würdigen Abschluss unseres Roadtrips. Der Highway 1 mag nicht der schnellste Weg von Los Angeles nach San Francisco sein, aber er ist mit Sicherheit der schönste. Auf den 750 km lernt man eine wichtige Lektion fürs Leben: Der Weg ist das Ziel.